Laptop ist da. Endlich. Studieren und Freundschaften schliessen/aufrechterhalten ist wirklich kein Zuckerschlecken ohne heimischen Internetzugang. Aber jetzt ist es endlich so weit, mein Tor zur Welt hat sich wieder geoeffnet und ich kann von meiner ersten Woche Uni berichten. Sie war relativ verwirrt muss ich sagen. Nein, dass ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Sagen wir ich bin schonmal vorsorglich ueberfordert- aufgrund des workloads, der mich erwartet.
Die Woche begann mit einer Infoveranstaltung des international office, bei der alle moeglichen Eventualitaeten zum Thema Visum geklaert wurden. Hilfreich waere eigentlich eine Einfuehrung gewesen, wie diese Uni funktioniert....Stattdessen gab es die Vorlesung "Understanding US culture", bei der wir lernten, was Amerikaner_innen fuer Werte haben, wie z.B. Puenktlichkeit, oder der Glaube daran seines eigenen Glueckes Schmied zu sein, oder die Betonung von Gleichheit aller Menschen.....Dann lernten wir noch, dass Amerikaner_innen Deo benuzten und dass in jedem Stereotyp immer auch ein Funken Wahrheit steckt. Die gute Frau, die den Vortrag hielt, gab zuerst eine Eisbergwarnung vor Stereotypen und Generalisierungen, um dann unter Volldampf genau darauf zuzusteuern, dagegen zu knallen....alle Passagiere ertrunken. Awkward (was fuer ein gutes Wort, fuer eine
befremdlich/unangenehm/komische Situation. Wenn jemand ein deutsches
Wort hat, dass all das ausdrueckt, dann teile er/sie es mir mit, ich
habe bisher keines gefunden)
Ausserdem fand der sogenannte "visa Check-in" statt, der noetig war um mein Studierendenvisum quasi zu aktivieren. Die USA fahren seit 9/11 eine Einwanderungspolitik, die meiner Ansicht nach eher paranoid als wirksam ist. Als Exchangestudent werde ich bei der Bewerbung um das Visum online seitenweise ausgefragt ob ich einer terroristischen Organisation angehoere, ob ich eine solche finanziell unterstuetzen wuerde, ob ich jemals Voelkermord begangen habe etc. Da frage ich mich: erwarten sie, dass ein echter Terrorist ueberall ein Haekchen bei "ja" macht? Muessen die sowas aus Versicherungsgruenden fragen, falls hinterher jemand ankommt und die Visaabteilung fragt, warum sie den/die reingelassen haben und damit die Visabteilung sagen kann "guck hier, wir hams gefragt und die ham angekreuzt, dass se nix boeses machen, das konnten wir ja nich wissen..." Oder geht es vielleicht um die Stimmung, die damit erzeugt wird? Soll mir das Gefuehl vermittelt werden, dass mir jemand ueber die Schulter schaut und aufpasst, dass ich mich benehme? Sollen sich die Amerikaner_innen jetzt sicherer fuehlen als vorher, weil es (immerhin irgendwelche) Massnahmen gibt?
Meine biometrischen Daten wurden sowohl bei der Botschaft (die an sich schon ein Hochsicherheitstrackt ist) als auch bei der Ankunft am Flughafen genommen. Ausserdem gibt es seit 9/11 das SEVIS system, in dem meine Unirecords gespeichert werden, als auch meine jeweils aktuelle Adesse. Visa Check-in dient also allein der Registrierung, dass ich das Studium antrete, Vollzeit dort eingeschrieben bin und studiere statt Bomben zu basten. Hoffentlich liesst die Regierung nicht meinen Blog, sonst werde ich noch schwuppdiwupp ausgewiesen bei so vielen verdaechtigen keywords. Und vielleicht sind diese Bedingungen doch dazu geeignet jemanden vom Bombenbasteln abzuhalten, weil man in diesem System gar keine Zeit dazu finden wuerde:
Vollzeit eingeschrieben bedeutet hier 15 Punkte an Kursen zu machen, das entspricht in der Regel drei Kursen, die jeweils etwa 3 Stunden Anwesenheit in der Woche erforderd, entweder als Block, oder auf mehrer Sitzungen aufgeteilt. Das Quartal geht bis Mitte Dezember. Klingt erstmal nicht viel, aber ein Prof hat es mal so vorgerechnet: 1Creditpoint entspricht 3 Stunden Vorbereitung pro Woche. Bei einem Seminar von 5 Creditpoints bedeutet dass 15 Stunden Vorbereitungszeit. Bei einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von 3 Minuten pro Seite wissenschaftlicher Literatur (ich bin bestimmt langsamer...) bedeutet das 150-200 Seiten pro Seminar pro Woche plus Excerpte, Fragen an den Text, Abstracts. Das Quartal geht gerade mal 10 Wochen und in dieser Zeit gibt es eine Zwischenpruefung, in der Regel noch ein bis zwei Essays oder critical response papers und eine Abschlusspruefung. Es ist einfach nur der Wahnsinn, was fuer ein Pensum hier gefordert wird. Zu Hause erwarte ich vielleicht 40 Seiten Text, ein lumpiges Referat und eine Hausarbeit. Gleichzeitig hab ich den Eindruck, dass hier qualitativ nicht viel erwartet wird, dass die Diskussion in der Sitzung eher nicht so besonders anspruchsvoll ist und stattdessen eher aus so einem Frage-Antwort Spiel und aus Beispiele finden besteht. Ich hatte mir ein paar Kurse anschauen wollen, bevor ich mich entscheide und bei den Kursen, die ich jetzt wahrscheinlich belege komme ich ganz guenstig davon: So gut wie alle Kurse verlangen dass die Studierenden neben den Texten, die online als pdfs zur Verfuegung stehen, auch noch Buecher kaufen. Ein Prof verlangte eine Literaturliste mit vier Werken! Und wissenschaftliche Literatur ist kein Groschenroman...fuer das eine Buch um das ich nicht herumkam, ein schmaechtiges (aber sehr hilfreiches) Buch hab ich fast 50$ hingeblaettert und andere Studierende kamen mit ganzen Stapeln von Buechern aus dem Laden!
So, jetzt wisst ihr wie fleissig ich hier bin...Nix Beachbabe und so :)
Fuer einen Kurs habe ich jetzt ein Buch gelesen, dass zwar um ein anderes Thema geht, aber irgendwie einiges fuer mich erklaert. Amerika wird darin als post-sozialer Staat beschrieben (wobei fraglich ist, wann Amerika jemals ein ordentlicher Sozialstaat war, aber anyway...) In so einem Staat wird der Erwerb des Lebensunterhaltes, die Aufrechterhaltung der persoenlichen Sicherheit und der eigenen Gesundheit zur alleinigen Aufgabe des Individuums. Der freie Markt bietet alles, was dazu noetig ist fuer diejenigen, die es sich leisten koennen. Und alle, die in diesem neoliberalen System durchfallen und es nicht gebacken kriegen fuer sich selbst zu sorgen...tja, die haben Pech gehabt. Das erklaert, warum sich einerseits die Arbeitslosenzahlen immer relativ schnell erholen und warum es andererseits so viele Obdachlose gibt.
Und das hat natuerlich auch Auswirkungen fuer ein Bildungssystem. Die UC ist eine staatliche Universitaet, die allerdings nur zu einem relativ geringen Prozentsatz vom Staat finanziert werden, sagen wir etwa 30%. Der Rest kommt von den Studiengebuehren und von privaten Investoren. Sobald die aber im Boot sind, bedeutet dass auch, dass Wissenschaft u.U. nur finanziert wird, wenn sie 'sinnvoll' ist, oder 'rentabel'. Was wird also aus dem Eigenwert von Bildung? Ich studiere momentan ein Fach, bei dem die Aussichten mal reich und beruehmt zu werden realtiv gering sind. Gleichzeitig waere das Schlimmste, was mir nach Beendigung meines Studiums passieren kann mit 600Euro Hartz IV auskommen zu muessen und meinen Eltern erklaeren zu muessen, dass sie mir umsonst fuer 3 jahre ein brotloses Studium finanziert haben. Und dann wuerde ich vielleicht was ganz anderes anfangen. Das Schlimmste, was amerikanischen Uniabsolventen passieren kann waere mit einem 5-6 stelligen Schuldenberg dazustehen und schliesslich nach zwei Jahren auf der Strasse zu stehen, wenn Welfare unerbittlich auslaeuft. Das setzt Menschen unter ganz anderen Druck und schlaegt sich auch in der Struktur des Studiums nieder.
Ich bin bislang schon fuer zwei Kurse sicher eingeschrieben. Sie klingen erstmal sehr aehnlich, haben aber jeweils einen anderen Schwerpunkt und ergaenzen sich ganz sinnvoll: Einmal ein Kurs, der um Transnationale Migration und die damit verbundenen Geschlechterkonstellationen geht, und dann noch einer, der gewaltkritisch die Gesundheitversorgung in Migrantcommunities untersucht. Bei einer Vorstellungsrunde wurden wir gebeten unseren Namen zu nennen und eine Sache die wir aktiv machen, um unsere Gesundheit zu pflegen. Ich haette nicht erwartet, dass (mehrer) Menschen von allen moeglichen gesunden Sachen "ich verzichte auf Cola/Softdrinks" nennen wuerden. Oh halt, ich vergass, ich bin ja in Amerika.
Genug Gesellschaftskritik. Ich klinge als waere ich in ein Alptraumland gezogen. Dem ist nicht so.
Eine unglaublich schoene Eigenart: Menschen sind freundlich! Fremde Menschen schauen dir in die Augen und gruessen dich auf der Strasse. Kassiere_innen im Supermarkt schaufeln nicht muerrisch deinen Einkauf auf die viel zu kleine Abstellflaeche um dann vorwurfsvoll zu warten dass du bezahlst und endlich deinen Scheiss wegraeumst, sondern fragen, wie dein Tag war, um dann alle Sachen fur dich in Tueten zu verpacken! Menschen bedanken sich beim Busfahrer_innen, wenn sie aussteigen und rutschen bereitwillig nach hinten durch, wenn der Bus voll ist. Das ist schoen, das tut gut.
Ausserdem beschehrt uns der Indian Summer in den letzten Tagen hochsommerliche Temperaturen. Und der Strand lockt.
Jeden Tag duese ich mit meinem schmucken Rad runter zum Busbahnhof. Das ist die erste Haltestelle, was bedeutet, dass der Bus auf dem Fahrradgepaecktraeger, der vorne bei allen Linienbussen angebracht ist, noch Platz hat. Campus liegt wie gesagt oben auf dem Berg und nur komplett Bekloppte fahren mit dem Rad die ganze Strecke hoch. Aber runter.....huiuiiiiiiiiii es geht fast die ganze Strecke bis in die Stadt steil bergab, erst kurve ich von meinen Klassenraeumen durch den Wald ueber kleine Bruecken, durch dichte Redwoods und an grasenden Rehen vorbei, bis der Radweg uebers offene Feld mit dem trockenen Grass beginnt, dank dem California auch als "golden state" bekannt ist. Von dort aus kann man ganz Santa Cruz ueberblicken und an klaren Tagen den ganzen Monterey Bay. Von der Kueste von Santa Cruz schaut man eigentlich auf die gegenueberliegende Kueste des Bays, aber meistens ist es so diesig, dass es sich anfuehlt, als wuerde man direkt auf den offenen Ozean schauen. Fotos folgen
Ich kenne inzwischen auch schon einen ganzen Haufen Menschen hier, hauptsaechlich aus der international Crowd (bei Facebook gut organisiert als "the coolest kids on the block"). Letzten Freitag
wollten wir uns treffen ("wir" ist ein loses Ding aus Menschhen, die beim Welcome BBQ waren und danach noch in ne Kneipe weitergezogen sind plus Menschen, die die Kneipenmenschen kannten)
Und da eine lose Gruppe von Menschen bekanntlich traege ist damit Entscheidungen zu treffen was man denn machen soll, hab ich kurzerhand zu mir eingeladen. 15 Menschen und ein ganzer Haufen Alkohol fand sich auf meinem Fussboden ein: Aus Deutschland, Daenemark, Schweden, England, Frankreich, Amerika, Canada, Thailand, Hongkong, Japan. Ich glaube das koennte so eine aehnliche Sternstunde sein wie die Penthouse Party in der ersten Berlin Woche. Bestes Kennenlernspiel, wenn alle schon einen hinter der Binde haben: Namen, Ort, zwei aussergewoehnliche Facts ueber sich. Unglaublich komisch. Billies Mum wohnte mal mit Mr. Bean zusammen, Alto wurde mal verhaftet, als er nachts in einem Parkhaus einen Film fuer die Uni drehen wollte, und Nikolas hat Angst vor Vogelstraussen ("ein Vogel mit Glatze, that freaks me out...")
Ausserdem cool: Hab endlich geschnallt, was ich machen muss, damit das Leitungswasser nicht mehr so swimmingpoolig schmeckt. Zitronenscheibe...hahaaaa