Ich moechte vorwarnen, dass mein Deutsch hier und da ein bisschen
komisch klingt inzwischen, mal sehen, ob mir Englischer Satzbau und
woertlich uebersetzte Redewendungen dazwischen rutschen werden.
Es ist ein Weilchen her. Verzeiht mir, aber es passiert hier halt auch nicht so viel, ueber das ich schreiben koennte. Die Uni hat mich voll im Griff, der Strand ist normal geworden und zum Reisen hab ich keine Zeit. Aber etwas ist passiert, von dem ich euch erzaehlen kann, das ganz spektakulaer und sehr amerikanisch ist. Letzten Freitag war ich aus, mit den Ladies, in der einzigen Bar die halbwegs nett ist. Die Musik ist laut und alle tanzen und trinken und lachen. Um 1 Uhr kriegen ich und Naomi und Jaqui hunger und wir beschliessen zu gehen, finden den ganzen Strassenabschnitt vor dem Club ueberfuellt mit Polizeiautos und mit Flatterband abgeriegelt. Eine Freundin kommt auf uns zu, die ein bisschen frueher abgehauen ist und sie erzaehlt, dass neben ihr jemand gerade erschossen wurde, sie hatte es fuer Sylvesterboeller gehalten. Eine Gestalt liegt auf dem Buergersteig mit einer Plane zugedeckt. Eine Meute von Menschen steht herum. Wir lamentieren warum denn noch kein Krankenwagen da ist, spaeter erst faellt uns ein, dass sie warscheinlich eh nicht mehr in Eile waren. War vielleicht ganz gut dass wir alle ein bisschen zu betrunken waren um das ganze Ausmass der Situation zu erfassen. Am naechsten Tag stand in der Zeitung, dass es sich um Drive-by shooting handelte. Der Typ wurde aus einem fahrenden Auto erschossen. "Gang-related". Er war angeblich der Zwillingsbruder von jemandem der Stress mir einer Gang hatte. Es war eine Verwechselung. Das alles klingt wie eine superbillige Dailysoap, passiert aber wirklich in klein-Santa Cruz.
Ich habe hier schon so viele Diskussionen ueber den amerikanischen Umgang mit Schusswaffen gehalten und habe die Ratio von einigen guten Freunden, mit denen ich doch sonst politisch und ethisch uebereinstimme, wirklich in Frage stellen wollen. Amerikaner koennen nicht ohne Gewehre.
Meine Freundin Naomi kommt aus England und sie belegt ein Kunstgeschichte Seminar. In einem Bild war ein Gewehr abgebildet und die Dozentin hat die Studierenden gefragt, was sie wohl mit diesem Gegenstand in dem Gemaelde assoziieren. Naomi sofort: Gewalt! Ihre Amerikanischen Kommilitonen: Sicherheit, Schutz. Es ist ein unmoegliches Unterfangen Amerika davon zu ueberzeugen, dass es keinen Grund gaebe sich mit einer Waffe beschuetzen zu muessen, wenn nicht jeder Hinz und Kunz einfach so in einen Laden gehen und eine Knarre kaufen koennte.
Ich schreibe ausserdem an einer Hausarbeit ueber Suizid. Fun fact about suicide: Die Wahrscheinlichkeit Suizid zu begehen ist dreimal groesser wenn man in einem Haushalt wohnt in dem eine Waffe zugaenglich ist. Der franzoesische Soziologe Bruno Latour nimmt die Pistole als Beispiel um auf die Wirkmacht von Gegenstaenden hinziweisen: Die Art wie dieser Gegenstand designt ist macht es so unglaublich leicht. It's so much easier to pull the trigger from a distance than to e.g. stab somebody, which requires being close to a victim, making a strong physical movement... Es ist so viel einfacher mit einer Schusswaffe, es kostet so viel weniger Ueberwindung und die meisten Toetungsfaelle mit Schusswaffen sind ohnehin Unfaelle oder Suizide. Wie kann bloss irgendwer behaupten das waere ein sinnvoller Schutz wenn jeder_r eine Pistole im Haus hat...Ich kapier diesen Teil amerikanischer Mentalitaet nicht. Wirklich nicht. Meine Hausarbeit ist fuer ein Seminar mit dem Titel "dead persons". Ich schreibe ueber die Golden Gate Bridge in San Francisco, dem weltweit beliebtesten Ort um sich selbst zu toeten. Seit der Eroeffnung der Bruecke in 1937 haben sich ueber 1500 Menschen in den Tod gestuerzt, dennoch ist Golden Gate Bridge weltweit das einzige Bauwerk dieser Groesse und Beruehtheit, das keine baulichen Vorkehrunge gegen Suizid getroffen hat. Das Gelaender reicht gerade mal bis zur Brust, die Bruecke ist das ganze Jahr lang fuer Fussgaenger zugaenglich und ein Sturz ist zu 98% toedlich. Es ist ein bisschen wie mit den Schusswaffen: es ist zu einfach, zu zugaenglich, es ist zu leicht unuberlegt aus dem Impuls heraus zu handeln. Ich will den oeffentlichen Diskurs und die offiziellen Statements zu diesem Defizit analysieren und die Rethorik von Selbsttoetung. Ich habe alle Leute bereits vorgewarnt, dass ich in den naechsten Wochen viel ueber Suizid reden werde, aber dass das kein Grund zur Sorge ist, es ist nur fuer eine Hausarbeit :)
Anyway.
Also. Ich studiere wie bescheuert. Nach drei Wochen in denen ich keinen einzigen Tag nicht 5 bis 8 Stunden lesend und schreibend in der Bibliothek verbracht habe, bin ich zu dem Beschluss gekommen, dass das nicht so gesund ist. Es ist noch nichtmal Pruefungszeit und schon fuehle ich mich krank vom Sitzen und wackel nur noch hirntot nach Hause am Ende des Tages. Ich kriege den groessten Teil der Kurse hier nichtmal angerechnet zu Hause, das mache ich nur aus Interesse und Wuerde (was mehr als genug ist.) Ich brauche die Noten nicht. Beschluss gefasst: Take it easy. Naechstes Wochenende fahre ich mit Naomi nach San Francisco und dann suchen wir einen Club der nicht schon um 1 Uhr morgens dicht macht. Dieses Wochenende habe ich freigeschaufelt und habe den Wald oberhalb vom Campus erkundet mit ein paar Freunden. Es ist so unglaublich schoen dort mit den uralten Redwoods und sonnigen Lichtungen hier und dort. Die sind kuenstlich, Native Americans haben die seit Ewigkeiten mit Feuer freigehalten um Rehe zu jagen, die zu den Wiesen kommen um zu grasen.
Ansonsten fuehle ich mich sehr heimisch. Ich habe eine ganz famose Clique aus vier fabelhaften Menschen, mit denen ich so viel Zeit verbringe wie moeglich. Das ist irgendwie still und heimlich aus der Crew entstanden, mit der ich nach L.A. gefahren bin. Naomi, Nicolas, Lisa und Nils. Alles verdammte Europaer_innen, verdammt gut. Wir moegen aber auch Amerikaner_innen, so ist das ja nicht :)
Meine neue Nachbarin hat ein sehr aktives Sexleben. Dieses Phaenomen kommt zusammen mit einer Wand zwischen uns, die laecherlich duenn und hellhoerig ist. Ihr habt keine Ahnung wie frustrierend und nervig das ist. Alter Verwalter...
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