Samstag, 22. September 2012

It's about to start! Jetzt fängt endlich langsam der Unikram an. Gestern bin ich mit dem Bus zum Campus hochgefahren, um an einer Einführungsveranstaltung meines Colleges (Merrill) teilzunehmen, meinen Studierendenausweis abzuholen und um dem Campus schonmal hallo zu sagen.
Soweit ich das bisher verstehe, funktioniert die UCSC ein bisschen wie Hogwarts: Es gibt 10 verschiedene Colleges, die jeweils aus Studierendenwohnheimen, Mensen, Instituten und Sozial- und Freizeitkrimskram bestehen. Jedes College hat einen eigenen architektonischen Stil und ein Motto. Merrills Motto ist "cultural identities and global consciousness"... Das ganze Konzept ist schon ziemlich Hippie. Es passt zu einer Uni, die in den 60er Jahren mitten in einem Wald gegründet wurde. Das College soll wohl sowas wie eine kleinere Einheit und Anlaufstelle innerhalb der großen gesamten Uni darstellen.
UCSC liegt oberhalb der Stadt am Ansatz der Santa Cruz Mountains. Vom unteren Teil des Campus überblickt man noch das weite Feld und die Stadt und das Meer, je weiter man aber ins Innere der Anlage vordringt, desto dichter wird der Wald. Straßen, Radwege, Fußwege führen kreuz und quer über kleine Schluchten und Täler, stets beschattet von dichten uralten riesigen Redwoods. Der Wald ist so dicht, und die Anlage so weitläufig, dass man, wenn man von einem College zu einem anderen wandern will, manchmal die Uni vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann. Eine der angebotenen Einführungsveranstaltungen besteht aus einem Pfadfindetreffen, bei dem man lernt, wie man entsprechend seinem Stundenplan am schnellsten von einem Institut zum anderen kommt, ohne sich zu verlaufen. So unfassbar schön es dort oben ist, so froh bin ich allerdings auch, dass ich nicht dort oben in der Pampa in einem Dorm wohne, sondern hier in Downtown mein Quartier habe. Es gibt eben nicht viel dort außer Uni.

 Dort oben ist jetzt gerade aber der Bär los, weil der Zeitraum, in dem die Studierenden ihre Dorms beziehen, relativ eng gesteckt ist. Das bedeutet, dass der ganzen Campus überfüllt ist mit vollgestopften Autos und Kisten schleppenden Daddies und Sandwiches auspackenden Mummies und aufgeregten 18jährigen Freshmen, die sich aus mir unerfindlichen Gründen schon alle mit Klamotten mit USCS Logo ausgestattet sind... Uni funktioniert hier ganz anders. Abgesehen davon, dass Ausbildung für amerikanische Kids 8.000 bis 15.000$ im Jahr kostet, wird die Uni auch vielmehr als in Deutschland als zu Hause mit sehr hohen Identifikationspotenzial betrachtet. Gleichzeitig ist es weniger eine Forschungseinrichtung, die auch noch ein bisschen lehrt (wie bei uns) sondern in erster Linie ein Dienstleistungsunternehmen, dessen primäres Ziel die Ausbildung der Studierenden ist. Man wird hier eindeutig mehr an die Hand genommen und es gibt mehr Angebote, gleichzeitig wird man aber auch mehr durchgehetzt als in Berlin. Klar. Bei den Gebühren hält sich besser jede_r an die Regelstudienzeit.

 Alle lieben das Maskottchen: Bananaslug ist eine breit grinsende sonnengelbe Nacktschnecke, die, wenn sie nicht gerade die Footballmannschaft anfeuert, am liebsten Platon liest.








Ansonsten habe ich in Downtown einen weiteren guten Ort gefunden, bei dem ich bestimmt nicht das letzte mal gewesen bin. Das Subrosa neben der Bike Church versteht sich als Community space. Es besteht aus einem Garten und einem kleinen Raum, in dem man gegen Spende Kaffee und Tee trinken kann, es gibt eine anarchistische Bibliothek, wechselnde Kunstaustellungen mit lokalen Künstler_innen und wöchendliche kostenlose und ehrenamtliche Kurse und Workshops.
Ich bin einfach zum Impro Theater Workshop aufgetaucht und hatte eine ganz wunderbare Zeit zusammen mit einem ganzen Haufen interessanter Menschen, mit denen ich im Anschluss auch noch zum "Open Mic" geblieben bin. Das bedeutet "offenes Mikrophon"; Jede_r darf auf die kleine Bühne und etwas machen/sagen/singen/zeigen/spielen/fragen/vorlesen....

Dieser Open Mic Abend war noch dazu Queer/Trans/Women Open Mic Abend. Das Thema, oder besser: die Frage, die den roten Faden bilden sollte, war "fühlst du dich sicher auf der Straße?"
Ich habe jetzt seit 2 Jahren in Berlin gewohnt, einer Großstadt mit 3,5 Millionen Menschen. Seit 1,5 Jahren wohne ich in Neukölln, einem Stadtteil, wo sich in den letzten Jahren bestimmt viel geändert hat, aber der vor nicht allzu langer Zeit noch bundesweit als der Problembezirk mit viel Kriminalität und Gewalttätigkeit bekannt geworden ist. Und ich hatte dort nie, nicht eine Minute Angst mitten in der Nacht alleine auf der Straße unterwegs zu sein. Und jetzt bin ich in Santa Cruz, in meinen Augen eine kleine idyllische  Countrytown mit lumpigen 60.000 Einwohnern.... und fast ausnahmslos alle an den Abend waren sich einig, dass es einige Ecken in der Stadt gibt, die sie nachts alleine als ernsthaft bedrohlich empfinden. Die Gastgeber_innen und Organisator_innen des Abends bieten an Leute auf dem Nachhauseweg zu begleiten, damit niemand vor Ende abhauen muss, weil er/sie sich auf dem Weg nach Hause so spät in der Nacht unwohl fühlt. Klar, das war das Thema das Abends und natürlich lädt dieses Setting dazu ein die krasseren Geschichten aus der Schublade zu kramen, aber dennoch hinterlässt es einen Eindruck auf mich. Von Absurdität und von einer Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht krank ist.

Erkenntnis der Woche: Es ist ein unfassbar großes Privileg in einem Land zu wohnen, in dem Bildung umsonst ist und in dem Sicherheit (weitesgehend) eine Selbstverständlichkeit ist.

Coolstes tattoo, das ich je gesehen hab: Austin von Open Mic hat auf seinem Bein ein Datum in 2015, eine Urzeit, einen Längen- und einen Breitengrad stehen. Der Ort, den diese Koordinaten beschreiben, liegt irgendwo in der Wüste in Utah. Sein Plan ist genau zu diesem Zeitpunkt an genau diesem Ort zu sein. Falls die Menschen es irgendwann tatsächlich schaffen sollten Zeitmaschinen zu konstruieren und falls er irgendwann in seinem späteren Leben die Gelegenheit haben sollte eine Zeitmaschine zu benutzen, dann wird er sich dort treffen. (und man weiß ja nicht wie präziese die Dinger sein werden, deswegen ist der Treffpunkt in der Wüste, damit er sich auch noch finden wird und sich zuwinken kann, falls er nur irgendwo grob im Unkreis dieses Punktes ausgespuckt werden sollte.)

Nachtrag: Es ist 21:30 und ich komme gerade vom Campus, wo das Merrill-Welcome Treffen war. Nunja, der Titel der Veranstaltung ließ relativ offen, was mich dort erwarten würde. Ich kam ein bisschen zu spät und es hatte schon angefangen: Stellt euch eine Aula vor mit Bühne und Lichtanlage, in der um die 300 18jährige sitzen.  Auf der Bühne stehen ein Haufen Studierende, die ich als sowas wie die Fachschaft einordnen würde, und die sangen...tanzten....sketsche vorführten....wie man am besten sein Unileben gestalten könne. Es gab den ich-komme-mit-meinem-roommate-nicht-klar-song, den Mama-versteh-endlich-dass-ich-erwachsen-bin-song (quote: "stop, don't no, please- Mommy I'm a big girl now!"), den ich-passe-auf-dass-ich-mir-keine-geschlechtskrankheiten-einfange-song und den -mein-freund-ist-vielleicht-gay-aber-das-macht-nix-song (quote: "If you'd be gay that's ok, if you'd be queer I'd still be here").....jeweils playback auf eine bekannte Melodie und inklusive Choreografie. Ohne Scheiß. Nachdem ich etwa eine Stunde mit heruntergeklappter Kinnlade in der letzten Reihe gesessen hatte, bin ich diskret aufgestanden und gegangen, gerade als ein Mädchen auf der Bühne unter Schluchzen darüber sang, dass ihr Freund sie verlassen hat und sie jetzt niemanden mehr hat, da sie in der Beziehung sämtliche andere Kontakte hat schleifen lassen (auf eine Melodie von Les Miserables) Halleluja.








1 Kommentar:

  1. Woah! Ich hoffe, meine Einführungswoche hält andere Überraschungen bereit :D
    Eine Nacktschnecke....seriously?

    Alles Liebe, kauf dir schnell n neunen PC!

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